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Markus Werning

Markus Werning

Preisträger 2006

Biografie Markus Werning

Markus Werning begann nach dem Abitur an der Altkönigschule Kronberg und seinem Zivildienst zunächst ein Studium der Physik an der Philipps-Universität Marburg. Parallel dazu nahm er bald darauf ein Studium der Philosophie auf.

Nach einem Wechsel an die Freie Universität Berlin wurde seine Magisterarbeit zum Thema Erkenntnis und Schlußfolgerung durch Professor Peter Bieri und Professor Holm Tetens am Philosophischen Institut angenommen. Er erhielt den Magistergrad der Freien Universität Berlin in den beiden Hauptfächern Philosophie und Physik.

Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt an der Rutgers University und dem Rutgers Center for Cognitive Science in New Jersey, leitete er zunächst das Berliner Kolloquium Philosophy Meets Cognitive Science an der Charité, um dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Gerhard Schurz an die Universität Erfurt zu gehen.

Nach einem Wechsel an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist er seitdem als wissenschaftlicher Angestellter von Professor Schurz tätig, wo er auch mit einer Dissertation zu dem Thema The Compositional Brain: A Unification of Conceptual and Neuronal Perspectives zum Dr. phil. promoviert wurde.

Werning hat zwei Sammelbände zum Thema Kompositionalität mitherausgegeben und zahlreiche Publikationen in renommierten Fachzeitschriften aufzuweisen. Er ist als Mitveranstalter von zwei internationalen Konferenzen aufgetreten und organisiert jährlich den Düsseldorf Workshop Philosophy and Cognitive Science.

Er ist Mitglied der Aristotelian Society, der Cognitive Science Society, der American Association for Artificial Intelligence und der Gesellschaft für Analytische Philosophie und Gutachter von mehreren internationalen Fachzeitschriften. Er hat Stipendien und Drittmittelgelder unter anderem von der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Thyssen-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhalten.

Laudatio

gehalten von Professor Dr. Thomas Metzinger anläßlich der Preisverleihung am 18. Mai in der Universität Frankfurt am Main.

Lieber Herr Dr. Werning, liebe Freunde und Kollegen,
als Leiter der MIND Group ist es mir eine Ehre und eine große Freude, Sie zu dem zweiten öffentlichen Vortrag im Rahmen unseres sechsten Treffens zu begrüßen, der von Prof. Allan Hobson, einem der weltweit führenden Traumforscher, gehalten wird. Gleichzeitig möchte ich Sie zu der ersten Verleihung des Preises für die beste deutsche philosophische Dissertation 2006, die Brücken zwischen der Philosophie und den Neurowissenschaften baut, willkommen heißen. Für seine hervorragende Dissertation mit dem Titel “The Compositional Brain—A Unification of Conceptual and Neuronal Perspectives” und in Anerkennung seiner ausgezeichneten Leistungen im Bereich der interdisziplinären Philosophie des Geistes erhält Markus Werning den Barbara Wengeler-Preis 2006 in Höhe von 10.000,- Euro. Meine eigene Kopie seiner Dissertation wird zur Zeit im Publikum herumgereicht; bitte achten Sie darauf, dass sie sicher zu mir zurückkehrt!

Bitte erlauben Sie mir, Sie kurz mit Markus Werning bekanntzumachen. Zur Zeit ist er als wissenschaftlicher Angestellter an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf tätig. Zwischen 1992 und 1999 studierte Markus Werning Philosophie und Physik an der Philipps-Universität in Marburg und an der Freien Universität Berlin. Danach verbrachte er einen einjährigen Forschungsaufenthalt an der Graduate School of Philosophy der Rutgers University und im Rutgers Center for Cognitive Science in New Jersey. Der Titel seiner Magisterarbeit - die von Peter Bieri and Holm Tetens in Berlin betreut wurde - lautete “Erkenntnis und Schlußfolgerung.” Zu seinen Forschungsgebieten gehören zunächst Logik, Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie und Künstliche Intelligenz. Später spezialisierte er sich auch in den Bereichen Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie und Kognitionswissenschaft. Er hat bereits mehre Stipendien von der Studienstiftung des deutschen Volkes und der Thyssen-Stiftung erhalten. Für ein Projekt mit dem Titel “Neuroframes—Neuronale Grundlagen von funktionalen Begriffen” mit einer Laufzeit bis 2011 laufen hat ihm die deutsche Forschungsgemeinschaft Drittmittelgelder in Höhe von 400.000,- Euro zugesprochen. Markus Werning ist Mitglied der Aristotelian Society, der American Philosophical Association, der Gesellschaft für Analytische Philosophie, der American Association for Artificial Intelligence und der Cognitive Science Society. Er ist außerdem bereits als Gutacher für eine beeindruckende Anzahl renommierter internationaler Fachzeitschriften tätig, darunter Minds and Machines, Erkenntnis und BBS, und hat in den letzten Jahren eine Reihe von Konferenzen in Düsseldorf, Berlin und Paris organisiert. Neben seinen beiden Monographien hat er im Jahre 2005 zusammen mit Edouard Machery und Gerhard Schurz zwei Sammelbände zum Thema Kompositionalität und Bedeutung herausgegeben. Die Zahl seiner Publikationen in Fachzeitschriften wie Synthese, Erkenntnis, Neurocomputing und Chaos and Complexity Letters ist beachtlich.

 Als ich Markus Werning vor mehreren Jahren zum ersten Mal begegnete, befanden wir uns hoch oben in Bergen in St. Johann. Er nahm als Mitglied einer Hochbegabtengruppe der Studienstiftung des deutschen Volkes an einem Kurs über Bewusstsein und das Gehirn teil, der von Andreas Engel, Wolf Singer und mir geleitet wurde. Sie kennen mich: Ich bin ein altmodischer Anhänger von neuronalen Netzen und subsymbolischer Informationsverarbeitung, ein langweiliger alter „bottom-up“-Typ à la Churchland. Die meisten der hochbegabten Studenten in diesem Workshop teilten meine philosophischen Intuitionen - Markus Werning jedoch tat dies – deutlich erkennbar, interessanter- und ärgerlicherweise – nicht. Innerhalb der Gruppe bekam Markus Werning bald einen Spitznamen: alle nannten ihn “J. J.” “J. J.” ist eine Abkürzung von “Jerry Junior.” In der laufenden Debatte zwischen Jerry Fodor und Paul Churchland über die repräsentationale Tiefenstruktur der menschlichen Intelligenz und Kognition, über die Möglichkeit einer Sprache des Geistes und über Kompositionalität schien Markus Werning, im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppenmitgliedern, immer auf der Seite von Jerry Fodor zu stehen. Deshalb wurde er bald “Jerry Junior” genannt.

Jetzt können wir das brillante Ergebnis seines Eigensinns bewundern und sehen, wie wichtig es manchmal ist, allen Modeerscheinungen und politischen Trends zum Trotz an den eigenen theoretischen Intuitionen festzuhalten. In seiner Dissertation „The Compositional Brain—A Unification of Conceptual and Neuronal Perspectives“ vereinigt Markus Werning zwei bislang unabhängig voneinander existierende Perspektiven darüber, wie Subjekte Information repräsentieren und verarbeiten. In weiten Teilen der Philosophie, Psychologie und Linguistik wird Informationsverarbeitung heute als regelgeleitete Transformation begrifflich strukturierter mentaler Repräsentationen verstanden. Diese Sichtweise wird durch die “concept theory of mind” vertreten, die eine grundlegende Theorie von Intentionalität und Bedeutung darstellt. Dieser Theorie zufolge sind Begriffe erstens die primären Inhalte, aus denen sich intentionale Zustände zusammensetzen, und sie legen zweitens so die Bedeutung von Ausdrücken der natürlichen Sprache fest. Die empirischen Neurowissenschaften haben jedoch eine ganz andere Perspektive darauf entwickelt, wie Menschen Information repräsentieren und verarbeiten, nämlich im Stil von neuronalen Netzwerken, subsymbolisch und durch dynamische Selbstorganisation. Gibt es eine Synthese dieser beiden, auf den ersten Blick inkompatiblen Sichtweisen?

Werning ist Reduktionist: Er argumentiert für die Identität der begrifflichen und neuronalen Strukturen, aus denen unser Geist besteht. Es gelingt ihm, detailliert aufzuzeigen, wie begriffliche Strukturen, die in einer Prädikatensprache ausgedrückt werden können, gleichzeitig mit bestimmten komplexen neuronalen Strukturen identifiziert werden können. Sein Argument beansprucht jedoch keine apriorische Gültigkeit. Er benutzt seine eigenen Computersimulationen, um aktuelle neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse über den visuellen Kortex komputational zu modellieren. In seiner preisgekrönten Dissertation zeigt er auf, wie oszillatorische Netzwerke insofern über traditionelle konnektionistische Netzwerke hinausgehen, als sie Teil-Ganzes-Beziehungen zwischen internen Trägern von Repräsentationen adäquat darstellen können und die zeitliche Dimension für die Integration von Informationen benutzen. Und dieser Nachweis ist von großer philosophischer Bedeutung: In seiner Dissertation entwickelt Werning mathematische Modelle dafür, was begriffliches Denken in Wirklichkeit sein könnte. Mit Hilfe von Werkzeugen aus der universellen Algebra und Modelltheorie versucht er zu zeigen, dass die analysierten neuronalen Strukturen drei zentrale Adäquatheitsbedingungen für begriffliche Repräsentation erfüllen. Diese sind erstens das Prinzip der Kompositionalität von Bedeutung, zweitens das Prinzip der Kompositionalität von Inhalten, und drittens das Prinzip der Kovarianz interner Repräsentationen und ihres externen Inhalts. Wenn es stimmt, dass oszillatorische Netzwerke tatsächlich die kognitive Dynamik kortikaler Strukturen auf eine biologisch realistische Weise reflektieren, könnte dies erklären, wie die Gehirne von Menschen, Säugetieren und vielleicht sogar von anderen Wirbeltieren begriffliche Strukturen realisieren. Die zentrale Leistung von Markus Wernings Dissertation besteht in der Entwicklung theoretischer Rahmenbedingungen für die detaillierte Spezifizierung der neuronalen Korrelate mentaler Begriffsbildungen und begrifflicher Operationen. Drei Dinge haben mich ganz besonders an der Arbeit von Markus Werning beeindruckt. Erstens ist sie ein herausragendes Beispiel für interdisziplinäre Philosophie des Geistes. Zweitens entwickelt sie einen neuen Zugang zu der philosophischen Debatte zwischen Klassizismus und Konnektionismus, indem sie eine neue Synthese anbietet, die gleichzeitig eine dauerhafte Integration der wichtigsten Einsichten zu entwickeln versucht. Drittens leistet seine Arbeit einen seriösen Beitrag dazu, die Fundamente und viele der zentral notwendigen Bedingungen für menschliche Rationalität tatsächlich im biologischen Gehirn zu lokalisieren.

Auch für die Zukunft plant Markus Werning eine Reihe von interessanten Forschungsprojekten. Ich möchte jedoch noch nichts verraten und würde stattdessen vorschlagen, dass Sie ihn bei Interesse im Anschluss an diese Veranstaltung persönlich dazu befragen. Denn nun möchte ich Dr. Martin Miebach, den Vorsitzenden des Vorstands der Barbara Wengeler-Stiftung in München, herzlich willkommen heißen und das Wort an ihn übergeben.